Noch in Arbeit. đ
Neues und Vertrautes
Beinahe drei Wochen ist es nun schon wieder her, dass ich ĂŒber Göteborg und Kiel nach Hause zurĂŒckgekehrt bin. Gestern habe ich endlich Zeit gefunden, die letzten Dinge sauber zu machen und zu verstauen, in den nĂ€chsten Tagen werde ich diesen Reisebericht geschrieben und hochgeladen haben â und wenn Ende des Monats die letzte Mautabrechnung kommt, ist auch dieser Urlaub schon wieder Vergangenheit. Bleiben werden diese Bilder hier, viele Erinnerungen und Gedanken; noch mehr aber die mal glimmende, mal aufflammende, mal brennende Sehnsucht, an all die PlĂ€tze meiner Reisen zurĂŒckzukehren und so vielen der Menschen wieder zu begegnen, die ich unterwegs getroffen habe. So kommt es, dass ich gegen meine Ăberzeugungen und Gewohnheiten in den letzten Tagen sogar schon die eine oder andere Flugverbindung recherchiert habe. Doch wĂŒrde nicht, wenn ich jetzt schon wieder aufbreche, das AuĂergewöhnliche zur NormalitĂ€t, die einsetzende Routine zu Arbeit, die Weite eng und das Besondere fad, so als wĂ€re immer Weihnachten?
Ein kleines bisschen ging es mir so schon zu Beginn meines Urlaubs: In aller Eile hatte ich das Nötigste zusammenpackt, bereits am Tag meiner Abfahrt kam ich im schwedischen Borstahusen genau dort an, wo ich schon einmal Abschied vom Norden genommen hatte, zwei NĂ€chte drauf war ich in GrĂ€ddo, wo ich bereits 2020 schon einmal war, und am vierten Tag schon erreichte ich die Provinz VĂ€sternorrlands, wo ich genau wie vor zwei Jahren, seinerzeit jedoch auf dem RĂŒckweg, in Sundsvall mein Nachtlager aufschlug. Fast 1.700 Kilometer in so kurzer Zeit, auf bekannten Wegen und PlĂ€tzen, vorbei an bekannten Orten und Seen â da stellte sich schnell eine gewisse Routine ein.
Doch die Sorge, es könnte bei all dem Vertrauten um eine langweilige Wiederholung von bereits Bekanntem handeln verschwand immer genauso schnell, wie sie sich Raum nehmen wollte. Einerseits versprach dies eine gewisse Entspannung bei den Anstrengungen, die eine lange Reise in die Nordpolarregion nun einmal mit sich bringt, andererseits kam es zwischendurch zu vielen netten Begegnungen, so dass der Auftakt fast wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten wurde.
Schon bei meiner Ankunft in Schweden wurde ich beinahe stĂŒrmisch von einer strahlenden jungen Frau begrĂŒĂt, die wie ein Flummi durch die Rezeption hĂŒpfte und sich riesig freute, mal wieder Kundschaft zu haben. Ihre Fröhlichkeit war ansteckend, das Zelt schnell aufgebaut und schon kurz nach dem Abendesse waren die Strapazen des langen Tages beim Fotografieren am Strand schnell vergessen. Der nĂ€chste Tag begann ebenfalls schön mit dem Morgenkaffee im Freien und dem Besuch meines Zeltnachbarn, der sich zu mir an den festinstallierten Tisch auf der Zeltwiese setzte, um FrĂŒhstĂŒck fĂŒr seine beiden Kinder und sich vorzubereiten, und von der Radtour mit den Töchtern entlang des Götakanals und zurĂŒck ĂŒber den VĂ€ttern mit einer FahrradfĂ€hre berichtete, die nicht jeden Tag fahre, sie aber glĂŒcklicherweise zum richtigen Zeitpunkt erreicht hĂ€tten. Ich denke, das wĂ€re ein schönes Vorhaben fĂŒr einen meiner nĂ€chsten Urlaube (und vielleicht eher zu verwirklichen als BodĂž â TromsĂž oder Braga â Sagres).
Der erste Tag in Schweden fĂŒhrte mich an Vimmerby vorbei durch die historische Provinz SmĂ„land. Eine Gegend, die ich bei meinem ersten Besuch dort vor vier Jahren so ganz anderes erlebt habe, als ich sie mir seit Kindertagen vorgestellt hatte, und wo es immer noch viel Neues fĂŒr mich zu entdecken gibt. Ăber eher kleine StraĂen ging es nach Ăxlesund, wo ich die Nacht verbrachte und von wo aus ich mich durch den erbarmungslosen Feierabendverkehr Stockholms nach VĂ€llingby schlug, um mich dort mit einem lieben Menschen zur Fika zu treffen â der (BildungslĂŒcke geschlossen) traditionellen schwedischen Kaffeepause. Wie im Fluge verging dabei die Zeit, bevor es weiterging in die vertraute Umgebung von GrĂ€ddö.
Noch weitere zwei Tage dauerte der Schnelldurchlauf durch die jĂŒngere und Ă€ltere Reisegeschichte â und durch die eigene Biographie von der Kindheit bis zum Tode meines Vaters vor zwei Jahren â bevor sich das Reistempo nach Station an der MĂŒndung des Ljungan und der ersten Nacht in SĂĄpmi auf der Strecke von Arvidjaur weit in den Norden ein ganz StĂŒck verlangsamte. Die erste Etappe war bisweilen intensiv, manchmal traurig, plötzlich urkomisch, vertraut und trotzdem seltsam leer, aber insgesamt wirklich schön. Es war ein Treffen mit vielen alten Bekannten auf einmal, wo fĂŒr die Einzelnen ein wenig zu wenig Zeit geblieben ist und man sich vielleicht genau deswegen schon auf ein baldiges Wiedersehen freut.
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Im Sand, am Strand und anderswo
Anders als vor zwei Jahren sollte es dieses Mal klappen mit dem Weg in den Norden Norwegens, wenngleich es auch dieses Mal einige kleinere HĂŒrden zu nehmen galt: Im Gebiet zwischen GĂ€llivare, dem nicht ganz freiwilligen Wendepunkt vor zwei Jahren, und TromsĂž gibt es kaum ZeltplĂ€tze. Einzig auf finnischer Seite in Muonio sollte es einen geben, was jedoch einen gewissen Umweg bedeutete. NatĂŒrlich hĂ€tte ich auch eine Nacht im Auto verbringen können, doch vermeide ich in Skandinavien, mittlerweile sogar das Campieren auf asphaltierten FlĂ€chen, wann immer es irgendwie möglich ist und ich nicht grade zu FuĂ oder mit dem Fahrrad unterwegs bin, weil leider viel zu viele Menschen die wenigen Auflagen und EinschrĂ€nkungen des AllemansrĂ€tts schlicht ignorieren, um rĂŒcksichtlos ihre eigenen BedĂŒrfnisse zu befriedigen.
So verlieĂ ich also schon ein ganzes StĂŒck vor Kiruna die gut ausgebaute LandstraĂe, um dann auf der E45 in Richtung Finnland zu fahren. Doch schon nach wenigen Metern wurde aus dieser EuropastraĂe â sie reicht ĂŒbrigens bis zum Ziel meiner letzten Reise: nach Siciliana â eine Sandpiste, die zwar gröĂtenteils gut zu fahren war, zeitweise jedoch auch groĂe Schlaglöcher aufwies. Diesen hĂ€tte ich zwar mangels weiterer Verkehrsteilnehmer*innen gut ausweichen können, wĂ€re da nicht der dichte Nebel mit Sichtweiten teils unter 20 Meter gewesen. Gute anderthalb Stunden brauchte ich nun also fĂŒr etwa 50 Kilometer ohne StraĂenbelag, ohne Sicht, ohne Menschen, ohne Telefonsignal und ohne GPS. HĂ€tte das Fahren nicht meiner vollen Konzentration bedurft, wĂ€re das leise mulmiges GefĂŒhl in mir eventuell doch noch angeschwollen.
SpĂ€testens aber nach der Ăberquerung des Torne Ă€lv | Tornionjoki klarte es auf, hatte ich wieder festen Boden unter den RĂ€dern und war schlieĂlich nach einer guten weiteren Stunde am Ziel. So dachte ich zumindest. Leider erfuhr ich erst am Tor des Zeltplatzes, dass dieser fĂŒr Instandsetzungsarbeiten geschlossen war. Wohl oder ĂŒbel musste ich also noch 70 Kilometer weit in Landesinnere fahren; allerdings nicht, ohne mich dieses Mal vorher telefonisch versichert zu haben, dass ich auf einem reinen Caravanplatz unterkommen kann. Vor Ort in Sirkka erwartete mich zwar nur ein wirklich schmaler GrĂŒnstreifen am Rande einer Ferienwohnung und jede Menge Regen. Der ĂŒberdachte Stellplatz des GebĂ€udes als KĂŒche und die Freude ĂŒber die (nicht unbedingt auf andere Orte ĂŒbertragbare) FlexibilitĂ€t der Rezeptionistin, mich mit einem Zelt ĂŒberhaupt dort unterkommen zu lassen, entschĂ€digten aber an diesem Abend fĂŒr vieles und erinnerten mich daran, dass ich unbedingt einmal lĂ€nger in Suomi verweilen sollte.
Die weitere Fahrt verlief problemlos. Den halben Tag lang ging es entlang der schwedisch-finnischen Grenze durch die kargen Landschaften der Nordpolarregion, deren Flora und Licht mich jedes Mal wieder aufs Neue in ihren Bann ziehen. Zwischen beiden LĂ€ndern verlĂ€uft eben jener Fluss, den ich bereits am Vortage ĂŒberquert hatte und der schlieĂlich bei Haparanda und Tornio in den Bottniska viken | Pohjanlahti flieĂt. Allerdings hieĂ er hier (ohne Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit und von SĂŒd nach Nord) wahlweise Muonio Ă€lv | Muonionjoki, Onkka, Kiehvuopio, Varppissuvanto, Pikkuniva, Ainavarppiniva, KönkĂ€mĂ€eno, Iittosuvanto, Vittanginniva oder Talosuvanto. Reisen bildete (leider) auch hier; denn ungefĂ€hr zur HĂ€lfte der Grenzetappe fuhr ich an der Strumbock-Stellung vorbei, welche 1942 zum Schutz der EismeerhĂ€fen im besetzten Norwegen von der Wehrmacht errichtet worden war. Die Geschichte des Nordatlantikwalls ist mir seit frĂŒher Jugend durch die Biographie meines Vaters vertraut, doch seine Dimensionen â wie weit er in den Norden reichte â wurde mir hier zum ersten Mal auf dieser Reise schlagartig bewusst.
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Gedanken und Gedenken
Am Nachmittag erreichte ich dann mit TromsĂž den nördlichsten Punkt meiner Reise (und meines bisherigen Lebens), nachdem ich zuvor im DreilĂ€ndereck von Sverige, Suomi und Norge in der Kunta Enontekiö beim dritten Anlauf in vier Jahren endlich die Grenze nach Norwegen passiert hatte. Die baum- und strauchloses Zeltwiese des ĂŒberwiegend geschotterten Campingplatzes wirkte zwar nicht besonders einladend und machte ihrer Bezeichnung insgesamt wenig Ehre. Da die nĂ€chsten beiden Tage allerdings Stadterkundung auf dem Programm stehen sollte, arrangierte ich mich mit den UmstĂ€nden.
Meine erste Station sollte die Ishavskatedralen sein, die nur gut einen Kilometer entfernt lag. Der schlichte Betonbau aus den 60ern wirkte vor dem Grau des Tages von auĂen eher trist, im Inneren jedoch beinahe wie eine Höhle im Eis, die bei aller KĂŒhle und einer Höhe von ĂŒber 20 Meter doch so etwas wie Geborgenheit ausstrahlt. Der Farbton des EichengestĂŒhls, das warme Licht der Prismakronleuchter und der dunkle Schein des bodentiefen Glasmosaiks an der Ostfassade tragen dazu einen nicht unerheblichen Teil bei. Auch wirkt der Bau aufgrund seiner Nurdachkonstruktion deutlich kleiner, als er tatsĂ€chlich ist. Fast winzig erscheint sogar die Orgel, die mit ihren 42 Registern und fast 3.000 Pfeifen alles andere als klein ist. FĂŒr mich wurde die Tromsdalen kirke zu einem Ort, an dem ich zur Ruhe kam, ganz bei mir und doch in Gedanken bei zwei Menschen war, von denen um diese Zeit des Jahres einer in hohem Alter, ein anderer viel zu jung gestorben war.
Ăber die BrĂŒcke, die den auf dem Festland gelegenen Stadtteil Tromsdalen mit der Insel TromsĂžya verbindet, fuhr ich mit dem Fahrrad zunĂ€chst nordwĂ€rts bis zum Havneterminal, wo leider auch hier im hohen Norden groĂe Kreuzfahrtschriffe anlegen, um Armaden von Reisenden mit Bussen zu den SehenswĂŒrdigkeiten der Stadt zu karren. GlĂŒcklicherweise ist der Spuk jedes Mal innerhalb weniger Minuten wieder vorbei. Allerdings hat der wachsende Tourismus â die Zahlen haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verzehnfacht â seine Spuren hinterlassen: Nicht nur werden die StraĂen der Innenstadt grade sĂ€mtlich und mit hohem Aufwand flanierfĂ€hig gemacht, auch der typische Wechsel von Bars, Bistros und Restaurants auf der einen und Outdoorshops sowie SouvenirlĂ€den auf der anderen Seite findet sich hier ebenso wie in jeder anderen europĂ€ischen Stadt mit maritimem Flair. Dennoch hat sich die AtmosphĂ€re in diesem Teil der Stadt einen gewissen Charme und jene Eigenart bewahrt, die so typisch fĂŒr StĂ€dte mittlerer GröĂein Nordeuropa ist: Ein homogenes Nebeneinander von Neuem und Altem, dezent farbenfrohe HĂ€user, oft aus Holz, seltener aus Stein.
Eine lange Weile verbrachte ich Kirkeparken rund um die TromsĂž domkirke, die zumindest von Google Maps an nördlichste lutherische Kirche der Welt bezeichnet wird. Etwas westlich der Kirche befindet sich eine bronzene Gedenktafel âtil minne om krigens ofreâ (fĂŒr die Opfer des 2. Weltkrieges) der Stadt. WĂ€hrend ich sie betrachtete fielen mir die Geburtsjahre einiger MĂ€nner ins Auge, die in etwa im Alter meines Vaters waren, der ja mit zu den Besatzern in Norwegen gehört hatte. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass der Tag seiner Beerdigung auf den Jahrestag des Ăberfalls auf Polen fiel. Und welche Macht auch immer lieĂ mich an einem 1. September vor diesem Stein stehen â nicht schuldig an den GrĂ€ueltaten der Menschen meines Landes, aber den Opfern schuldend, dass als nie wieder geschieht. Wenige Minuten spĂ€ter kam ein Mann in meinem Alter vorbei, vielleicht ein wenig jĂŒnger als ich, der seinen nicht mehr ganz kleinen Kindern etwas zu erklĂ€ren schien. Ich sprach ihn an und wir unterhielten uns lĂ€nger. Dabei stellte sich heraus, dass er Geschichtslehrer ist und sehr viel ĂŒber die Zeit der Besatzung wusste. Unter anderem wies er mich darauf hin, dass nur einige Meter weiter, in der Bankgata 13, das Gestapo-Hauptquartier gewesen sei.
Erst beim Schreiben dieser Zeilen fĂ€llt mir auf, dass unter den beinahe 200 Namen viele jĂŒdische befinden. Viele (oder sogar alle?) von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Unter den Opfern findet sich auch der Name von Ruth Sakolsky, einem dreijĂ€hrigen jĂŒdischen MĂ€dchen:
âRuth und ihre Mutter wurden am 25. November 1942 von der norwegischen Staatspolizei verhaftet und in das Bredtveit-GefĂ€ngnis in Oslo ĂŒberstellt. Von hier aus wurden sie am 25. Februar 1943 mit dem Truppentransporter Gotenland deportiert. Bei ihrer Ankunft in Auschwitz am 3. MĂ€rz wurden Ruth und Rebekka Sakolsky direkt in die Gaskammern geschickt und getötet. Ruths Vater, Selik Sakolsky, wurde im November 1942 auf dem Schiff Monta Rosa deportiert. Er kam am 1. Dezember 1943 in Auschwitz ums Leben.â
Quelle: Verzeichnis der norwegischen Snublesteiner (Stolpersteine)
Den Jahrestag, die Gedenktafel und das Bild eines Soldaten im Kopf, herrschte noch eine ganze Zeit lang ein ziemliches Durcheinander in mir, dass sich auf meinem Weg entlang des TromsĂžysunds in Richtung SĂŒden ganz allmĂ€hlich lichtete. Das Polaria, ein Erlebnis- und Informationszentrum zur Polarforschung, war leider geschlossen und das architektonisch interessante GebĂ€ude aufgrund von Erweiterungsarbeiten gröĂtenteils durch Absperrungen und Planen verdeckt. ZunĂ€chst entlang des Ufers, dann durch die StraĂen streunerte ich also zurĂŒck in die Innenstadt, um mangels VorrĂ€ten (von Schweden verwöhnt, hatte ich stillschweigend vorausgesetzt, dass ich auch in Norwegen auf einem Sonntag einkaufen kann) beim goldenen M einzukehren, dem âmost northernâ und vielleicht auch teuersten der Welt.
Vielleicht ist TromsĂž nicht wirklich eine Reise wert. Auch Polarlichterlichter waren dank einer dichten Wolkendecke in der Nacht nicht zu sehen. Und doch wohnt auch dieser Stadt ein Zauber inne, der sich nur schwer beschreiben lĂ€sst. Vielleicht trugen zu diesem Eindruck auch die vielen GesprĂ€che mit wildfremden Menschen â nachmittags mit dem Lehrer und am Abend und nĂ€chsten Morgen auf dem Campingplatz dazu bei. Was das erste GesprĂ€ch angeht, zog irgendwann eine stille Dankbarkeit darĂŒber ein, dass sich die Nachkommen zweier im Krieg verfeindeter Menschen freundlich begegnen können und bestrebt sind, die Erinnerung wach zu halten und den Frieden in einem freiheitlich-demokratischen Europa zu bewahren. Doch auch die anderen GesprĂ€che mit den Zeltnachbarn aus FĂŒssen, Hamburg und Paris blieben mir noch lange GedĂ€chtnis. Alle drei waren alleine mit dem Fahrrad unterwegs und kurz vor der RĂŒckkehr in die Heimat per Schiff und Flugzeug. Sven hatte mit Anfang 30 grade eine lĂ€ngere Zeit bei der Bundeswehr hinter sich, Julius sein Abitur (und Touren von 200 km am Tag mit dem Gravelbike) und François macht grade seinen Master in Restauration â und trotz (oder grade wegen?) unserer ziemlich unterschiedlichen Lebenswelten und -abschnitte gingen alle GesprĂ€che recht schnell in eine angenehme Tiefe. Nachdem sich am Morgen unsere Wege trennten, traf ich beim Abwaschen noch Katja: Eigentlich wohne sie in DĂ€nemark, sie arbeite jedoch immer fĂŒr drei Monate als Krankenschwester in TromsĂž und verbinde die Anreise dieses Mal mit einem Familienurlaub, berichtete sie mir. UrsprĂŒnglich kommt sie aus Tschechien, ist nach der Wende ausgewandert und hat ihr GlĂŒck in Skandinavien gefunden. Wir haben uns so lange ĂŒber Krieg und Frieden, soziales Miteinander, Erziehung und noch vieles mehr unterhalten, dass ich am Ende viel zu spĂ€t aufgebrochen bin und TromsĂž erst am spĂ€ten Mittag verlieĂ.
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Wasser, Wolken, Wohnmobile
Den Plan, noch weiter bis ans Nordkap zu reisen, hatte ich bereits in den Tagen zuvor kurzerhand verworfen und nahm nun direkten Kurs auf die Lofoten. UnzĂ€hlige Bilder hatte ich den letzten Jahren von dort gesehen und die Vorfreude war groĂ. Doch an diesem Tag sollte noch nichts daraus werden, dort anzukommen. Nachdem zuvor die Sonne schon beim Passieren der Tjeldsundbrua schon ziemlich tief gestanden hatte, schlug ich kurz vor Sonnenuntergang mein Zelt noch einmal auf und verbrachte die Nacht in Gullesfjord auf HinnĂžya, das zur benachbarten Inselgruppe VesterĂ„len gehört. DafĂŒr, dass der Zeltplatz temporĂ€r mitten im Lager einer riesigen StraĂenbaustelle liegt, ging es meinen gesamten Aufenthalt lang sowohl auf dem GelĂ€nde als drumherum erstaunlich ruhig zu. Das PlĂ€tschern des Gullesfjorden war leise zu hören und hellweiĂe Wolken mit strahlend grĂŒnen RĂ€ndern am nĂ€chtlichen Himmel lieĂen erahnen, welch prachtvolle Polarlichter durch sie verdeckt wurden.
Am nĂ€chsten Vormittag war es dann endlich soweit und ich erreichte ĂŒber die Raftsundbrua AustvĂ„gĂžya, die erste Insel (Ăžya) der Lofoten. Vorbei an HanĂžy fuhr ich entlang der nördlichen KĂŒste in Richtung FiskebĂžl und dann in sĂŒdliche Richtung bis kurz vor SvolvĂŠr. Dort richtete ich direkt am Vatterfjorden fĂŒr eine knappe Woche meine Base ein â ein wenig abseits der befestigten WohnmobilplĂ€tze hatte ich die Wiese am Wasser bis auf einen AnhĂ€nger ganz fĂŒr mich alleine. Das Wetter war sonnig und wider Erwarten ziemlich warm. Ich erkundete zu FuĂ die nĂ€here Umgebung, fuhr anschlieĂend on die Stadt, um meine VorrĂ€te aufzufĂŒllen und lernte wenige Stunden nach meiner Ankunft Michael kennen, einen Aussteiger aus Chemnitz, der seit drei Jahren mit seinem gut zwei Meter langen Handwagen (der AnhĂ€nger) durch Skandinavien wandert. Trotz einer politischen Grundausrichtung, die meiner kaum ferner sein könnte, verbrachten wir in den folgenden Tagen einige Stunden mit angeregten Debatten, freundlichem Austausch und Philosophieren ĂŒber Gott und die Welt.
HenningsvĂŠr und Laukvik
Der nĂ€chste Tag begann recht trĂŒbe, aber war trocken. WĂ€hrend ich beim Morgenkaffee vor meinem Zelt saĂ und den Tag plante, kroch Michael aus seinem Wagen und gesellte sich zu mir. GlĂŒck mit dem Wetter habe ich, erzĂ€hlte er mir, die letzten vier Wochen habe es durchgehend geregnet. Ob ich ihn mit nach SvolvĂŠr nehmen könne, dann mĂŒsse er nicht den selten fahrenden Bus nehmen, fragte er und fĂŒgte hinzu, dass er dort als Koch arbeite. Wir unterhielten und noch eine Weile und fuhren dann irgendwann spĂ€ter gemeinsam los.
Nachdem ich ihn abgesetzt, ging es fĂŒr mich weiter nach HenningsvĂŠr, einem Fischerdorf, das sich ĂŒber die beiden Lofoteninseln HeimĂžya und HellandsĂžya erstreckt und erst seit 1983 ĂŒber zwei HochbrĂŒcken â eine nach und eine von EngĂžya â mit AustvĂ„gĂžya verbunden ist; vorher war dieses nur mit dem Schiff möglich. Die Landschaft auf dem Weg dorthin war trotz tiefhĂ€ngender Wolken ein Erlebnis; doch davon, wie sehr die Lofoten in den letzten Jahren zum Opfer eines rĂŒcksichtlosen Massentourismus', bekam ich an diesem Vormittag eine erste Ahnung: Trotz des nahen Herbstes, trotz der Abgelegenheit verging keine Minute, ohne einem Wohnmobil zu begegnen. Neben den leider inzwischen notwendigen Campingverbotsschildern standen selbst in den markierten Ausweichhaltebuchten auf der engen StraĂe auf EngĂžya handgeschrieben Hinweisschilder, dass diese keine StellplĂ€tze sind. BezĂŒglich meiner Annahme, dass kein Mensch so dreist sein könne, dort allen Ernstes die Nacht verbringen zu wollen, wurde ich im weiteren Verlauf des Tages mehrfach eines Besseren belehrt: Auch die kleinsten Stellen an den StraĂen wurden in Beschlag genommen, selbst die Zufahrten der nicht vollends belegten CampingplĂ€tze dienten nicht selten als Bleibe. Trotzt seines charakteristischen Aufbaus mit zentral gelegenem Hafen und hintergeordneter Wohnbebauung ist der eher schmucklose Ort unaufgeregt idyllisch, was sich auf die Insellage, das wilde GrĂŒn und die felsigen Berge im Hintergrund zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst. Einen Besuch war das Dorf auf jeden Fall wert, wenngleich mir auch der grandiose Blick auf die wohl gröĂte Attraktion HenningsvĂŠrs mangels Drohne verborgen blieb, der auf einen der schönsten FuĂballplĂ€tze der Welt (siehe Bild 17 auf der Seite des National Geographic Travel Photographer of the Year Contest von 2017).
Der Weg zum anderen Ende der Insel fĂŒhrte mich zunĂ€chst zurĂŒck nach SvolvĂŠr, von wo aus ich an endlosem GrĂŒnland vorbei nach Laukvik kam. Dort angekommen, zog es sich innerhalb weniger Minuten zu und der Wind frischte mehr und mehr auf, was den Weg vom Leuchtturm ĂŒber den stark verwitterten Pier ein ganz kleines bisschen abenteuerlich geraten lieĂ. Einige lange Gedanken beschĂ€ftigten mich die 14 verunglĂŒckten jungen Fischer, bevor der Sturm das TrĂŒbsal wegwehte. Gischt im Gesicht, Salz auf den Lippen und Wind den Haaren lieĂen keinen Raum mehr dafĂŒr. Ein wenig klamm und fröstelig war ich am Ende und es war schön, anschlieĂend im Warmen Auto zu sitzen und den trostlosen Wohnmobilfriedhof auf der Mole auf der anderen Seite des Leuchtturms nur noch im RĂŒckspiegel zu sehen.
OffersĂžykammen
Am Folgetag ging es nach VestvĂ„gĂžya. Dort stand die erste Wanderung an, eine kurze nur, aber lang war sie dann trotzdem: Fast zwei Stunden benötigte ich fĂŒr die gut zwei Kilometer, bei der allerdings mehr als 400 Höhenmeter zu ĂŒberwinden waren. Mindestens einmal war ich kurz davor, aufzugeben â zu resigniert war ich ĂŒber meine mangelnde Kondition; denn bergauf halfen weder das viele Radfahren der letzten Monate noch das Schwimmen weiter. Und zu konsterniert sah ich die Trailrunner*innen im Laufschritt an mir vorbeiziehen, wĂ€hrend ich keuchend dastand. SchlieĂlich doch oben auf dem OffersĂžykammen angekommen, war beides jedoch beim unbeschreiblichen Rundumblick ĂŒber die Inseln im Nu vergessen. Der RĂŒckweg verlief trotz fehlender Wanderstöcke deutlich flotter und erfolgte zunĂ€chst in netter Begleitung eines jungen Paares aus dem Raum Braunschweig, das den Aufstieg mit SĂ€ugling im Tragetuch bewĂ€ltigt hatte, und spĂ€ter dann mit einer Ărztin aus der NĂ€he von Freiburg, die zusammen mit ihrer Mutter unterwegs war. Beide empfahlen mir noch den Wanderweg nördlich des Nordkaps fĂŒr einen kĂŒnftigen Besuch abseits der Touristenströme, bevor sich nach einer lĂ€ngeren Unterhaltung ĂŒber das deutsche Gesundheitswesen unsere Wege trennten und ich zurĂŒck zum Zeltplatz fuhr.
Ramberg und KabelvÄg
Eigentlich sollte es gleich am nĂ€chsten Tag mit der nĂ€chsten Wanderung weitergehen. Doch trotz einer erholsamen Nacht war daran nicht zu denken, mit dem Reinebringen gleich den nĂ€chsten Berg zu erklimmen â zu sehr steckten mir die Anstrengungen des Vortages noch in den Gliedern. Also ging es nur mit dem Auto bis etwas sĂŒdlich von Ramberg auf FlakstadĂžya, grade so weit, dass in der Ferne die Fredvangbruene zu sehen war, die ĂŒber TorvĂžya zum nördlichen Ende von MoskenesĂžya fĂŒhrt. Auf dem RĂŒckweg konnte ich mich tatsĂ€chlich zu einem kleinen Spaziergang am Rambergstranda und zu einem lĂ€ngeren â fast schon wieder zuhause â in KabelvĂ„g aufraffen. Insbesondere die VĂ„gan kirke dort hatte es mir schon in den letzten Tagen im Vorbeifahren angetan. Leider war sie bereits geschlossen, doch die Abendsonne bescherte mir nicht nur ein tolles Licht auf die Lofotkatedralen â so wird die Holzkirche aufgrund ihrer GröĂe auch genannt, sondern ebenso auf den kleinen Hafen des Ortes. Etwas holprig klang der Tag jedoch aus: Nichts ahnend suchte ich mir beim Tanken die einzig freie SĂ€ule aus; das war jedoch ausgerechnet diejenige, welche mit der Aufschrift âavgiftsfriâ versehen war und subventionierten Kraftstoff in den Tank pumpte, der auĂer fĂŒr Land- und Fischereiwirtschaft nur dem ĂPNV und anderen gemeinnĂŒtzigen Institutionen vorbehalten ist. Wenige Augenblicke spĂ€ter dĂ€mmerte mir, dass ich ohne Vorsatz einen Steuerbetrug begangen hatte. Zu spĂ€ter Stunde im Zelt fand ich endlich heraus, was nun zu tun und besser zu lassen sie, nĂ€mlich meinen Irrtum selbst anzuzeigen und danach innerhalb von fĂŒnf Tagen den Tank leer zu fahren, wollte ich nicht eine Strafe von 2.000 ⏠riskieren. Da ich ohnehin fĂŒr drei Tage spĂ€ter die FĂ€hre nach BodĂž, musste ich zwar nun meine ReiseplĂ€ne etwas Ă€ndern und statt durch Norwegen ĂŒber Schweden gen SĂŒden tingeln, konnte so aber trotz eines engmaschigen Kontrollnetzes beruhigt einschlafen.
StorvÄgan und Vatterfjorden
Auch am nĂ€chsten Tag verschlug es mich noch einmal in die NĂ€he von KabelvĂ„g, genauer gesagt nach StorvĂ„gan, das im 19. Jahrhundert eines der gröĂten Fischerdörfer der Lofoten war. Rund um den alten Fischereibetrieb dort ist das Lofotmuseet entstanden, ein kleines Museumsdorf, das neben einer Ausstellung zur historischen und technischen Entwicklung des Fischfangs authentische FischerhĂŒtten und BootshĂ€user mit Nordlandbooten zeigt. Den Fotoapparat hatte ich dieses Mal nicht dabei, was ich nachtrĂ€glich zwar bedauere, so aber deutlich mehr Konzentration auf die Exponate richten konnte.
Den Rest des Tages verbrachte ich nach einem kurzen Abstecher nach SvolvĂŠr auf dem Zeltplatz am Vatterfjorden: AuĂer Nichtstun und Fotos machen standen nur noch Kochen und die allmĂ€hliche Vorbereitung auf die Abreise am nĂ€chsten Tag auf dem Programm.
Moskenes(Ăžya)
Am nĂ€chsten Morgen hieĂ es, Abschied zu nehmen â vom Platz, vom Fjord, von Michael. Doch der kurze Moment Wehmut war Anbetracht der Landschaft schnell verflogen. Auf derselben Strecke wie zwei Tag zuvor ging es zunĂ€chst nach FlakstadĂžya â vorbei an am Strand grasenden KĂŒhen â zur KĂ„kern bru, ĂŒber die ich die sĂŒdlichste groĂe Insel der Lofoten, MoskenesĂžya, erreichte. Diese verlieĂ ich ich aufgrund der StreckenfĂŒhrung an der westlichen KĂŒste noch einmal kurz beim Queren von OlenilsĂžya und SakrisĂžya und erreichte bereits am Nachmittag den Zeltplatz von Moskenes direkt an dem Hafen. Von hier aus setzte ich am nĂ€chsten Morgen in aller FrĂŒhe nach BodĂž ĂŒber â traurig und doch unendlich dankbar, dass ich diesen Teil der Erde selbst sehen und erleben durfte.
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