Stadt – Land – Fluss

Porto

Ein holpriger Start

Früh wie nie stand mit Porto das Ziel dieser Reise fest. Es war die Liebe auf den ersten Blick, die mich seit meiner ersten Reise dorthin immer wieder beschäftig hatte. Denn eigentlich war mit bereits auf dem Weg nach Lisboa bewusst, was mir erst Wochen nach der Rückkehr (und danach immer wieder) wirklich klar wurde: Dass es ein Fehler gewesen war, nicht länger in der Stadt am Duoro zu bleiben. Viel länger.

Zwar hatte ich mir vor meiner Abreise ein paar weitere Orte in Portugal herausgesucht, die ich gerne sehen würde, doch brach ich mit dem Plan im Kopf auf, dieses Mal erst dann von Porto aus weiterzuziehen, wenn rein gar nichts mehr dagegen spricht. Einzig auf dem Weg einen Zwischenstopp an der Dordogne einzulegen, um den einen oder anderen Wein des Périgord zu kosten und um meine neueste Errungenschaft, ein Klepper Aerius 490, erstmals zu Wasser zu lassen, hatte ich schon in Hannover festgelegt. Doch bereits in Reimes, dem ersten Übernachtungsort auf meinem Weg, stand fest, dass zumindest aus dem Besuch der Côtes de Bergerac angesichts der angekündigten Temperaturen um die 13 Grad bei tagelangem Dauerregen nichts werden würde: Bereits kurz nach meiner Ankunft kühlte es merklich ab und ein nicht enden wollender Guss zwang mich gleich zu Beginn, das Tarp und die dicken Klamotten herauszuholen, die ich eigentlich daheimlassen wollte und nur für den Notfall eingepackt hatte. Da es erst am nächsten Morgen allmählich aufhörte, zu regnen, und der Wetterbericht für den Rest der Woche keine wirklichen Änderungen erhoffen ließ, plante ich bei den lang ersehnten Croissants und dem Morgenkaffee kurzer Hand um und beschloss, direkt über die nördliche Spanienroute gen Westen zu fahren.

Weit kam ich jedoch nicht; denn bereits nach zirka 30 Minuten wies mich eine Warnung auf dem Armaturenbrett darauf hin, dass das „Bremssystem defekt“ sei und ich „sicher anhalten“ solle. Erstmals und danach nie wieder hatte ich diese Meldung im Stand (!) am Tag der Abreise aus Schweden im letzten Jahr in Göteborg präsentiert bekommen, wo sie nach einer Weile von alleine verschwand. Wirkliche Panik wollte also nicht aufkommen, dennoch war ich erst wirklich erleichtert, als ich tatsächlich ohne Probleme in einer Nothaltebucht zum Stehen gekommen war. Nach einer Weile verschwand die Meldung tatsächlich wie von selbst, um ab dann für ungefähr eine Stunde regelmäßig alle fünf bis zehn Minuten für kurze Zeit aufzutreten – immer gepaart mit dem Ausfall der Tachoanzeige und abgelöst von der Mitteilung, dass das ABS nicht mehr korrekt arbeite. Je trockener das Wetter wurde, desto kürzer und seltener trat das Phänomen auf, um dann in Portugal irgendwann ganz zu verschwinden. Erst als es auf dem Rückweg wieder feuchter wurde, begann das Theater von neuem, ergänzt um den zeitweisen Ausfall der elektrischen Fensterheber rechts, die Warnung vor einer fehlerhaften Servolenkung und eine zeitweise Funktionslosigkeit der motorbetriebenen Heckklappe und einseitig der Zentralverriegelung. Aber zurück zum eigentlichen Thema: Dank der Entscheidung im Vorfeld, mir ein Télépéage-Badge zuzulegen, blieb das Autobahnfahren zwar weiterhin teuer, gestaltete sich aber deutlich komfortabler (kein Anhalten mehr an den Stationen) und nervenschonender (die Rechnung kommt ja erst später) und ich kam zügig gen Süden voran. War es rund um die folgende Nacht in Magné in der Nähe von Niort es noch wechselhaft und kühl, aber zumindest zeitweise trocken, kam ich am dritten Tag bei strahlendem Sonnenschein, einer steifen Briese und milden Temperaturen in Saint-Jean-de-Luz an, wo innerhalb kürzester Zeit alles Feuchte und Nasse vom Wind vollends getrocknet wurde und danach noch Zeit zum Entspannen und für die schönen Dinge blieb, wie das erste Rudelgucken eines Sonnenuntergangs mit spontaner Livemusik.

Einen letzten Zwischenstopp vor dem Erreichen Portugals legte ich in Valdoviño ein, um dort einmal mehr festzustellen, wie merkwürdig ein Gehirn doch bisweilen arbeitet: Fehlt mir – was sonst eigentlich nie vorkommt – trotz nachträglicher Recherche jede Erinnerung an den Campingplatz in Magné (er wurde also gewissenmaßen zu einem Nie-Ort), kam diese an diesem Ort an der Nordküste von Galicia nach einem recht langen Zustand der Verwirrung Stück für Stück wieder. Die nette Frau an der Rezeption behielt also trotz all meiner Zweifel mit ihrer Annahme recht, ich müsse, da ich im Buchungssystem bereits vorhanden sei, schon einmal dort gewesen sein – und siehe da, es fanden sich anschließend jede Menge Details im Bereich zwischen meinen Ohren wieder.

Am späten Nachmittag meines fünften Reistages erreichte ich schließlich Porto, wo ich mich zunächst auf die Suche nach einem neuen Zeltplatz machen musste. Der Platz, auf dem ich vier Jahre zuvor nächtigte, war leider nicht mehr vorhanden. Anders als zunächst vermutet, war er jedoch nicht wie so vieles entlang der Küste der Gentrifizierung zum Opfer gefallen, sondern zum Ecoparque do Atlântico, einer öffentlichen Freizeitanlage umgestaltet worden, deren Schwerpunkte im Bereich Nachhaltigkeit, Umweltbildung und Naturschutz liegen. Aber zurück zur Quartierwahl: Ein Platz war ausgebucht, ein weiterer 30 Kilometer entfernt, ein dritter zeichnete sich durch seine vielen negativen Bewertungen aus, die allerdings überwiegend die in die Jahre gekommenen Sanitäranlagen betrafen. Nichts also, was dagegensprach, ihm eine Chance zu geben.

Das Einchecken jedoch ließ zunächst nichts Gutes erahnen. Es roch extrem nach altem Speisefett, die Oberflächen des Rezeptionstresens klebten und die beiden Mitarbeiter*innen wirkten irgendwie, ich sag mal merkwürdig. Doch letzten Endes war es nur eine kleine Zeitreise, die hier begann. Okay, man muss schon ein wenig anspruchslos sein und sich mit sehr niedrigen Standards arrangieren können, aber trotz der in den Rezensionen genannten Kritikpunkte, war alles sehr sauber und ordentlich. So war nun für die nächsten Nächte ein Areal mein Zuhause, dass seit den 50er- oder 70er Jahre keine großen Veränderungen mehr erfahren hatte, mich irgendwie an meinen Urlaub in Rumänien erinnerte und wie ein in die Jahre gekommener Minigolfplatz mit Anleihen an Schrebergärten und uralte Spielplätze daherkam, wo das rostende Metall von Wippe, Karussell und Rundbogenklettergerüst unter unzähligen Schichten Lack verschwunden ist. Nach dem Zeltaufbauen und Einrichten ging es mit dem Rad entlang der Uferpromenade zum Einkaufen, anschließend ans Kochen und nach dem Essen mit ersten Gedanken für die kommenden Tage recht zeitig ins Bett.

Wer sein Rad liebt, der trägt

Oh wie sehr hatte ich diesen Augenblick am nächsten Vormittag herbeigesehnt, wo es endlich wieder entlang des Atlantiks und des Ufers des Douro in Richtung der Ponte Dom Luís I ging! Aus Neugierde – und mich des steilen Anstiegs auf der Südseite erinnernd – nahm ich den unteren Weg über diese Brücke, was zwar meinen Entdeckungsdrang befriedigte, mir jedoch nicht die zirka 70 Höhenmeter hinauf zum Terreiro da Sé ersparte. Also schob, vor allem aber trug ich mein Fahrrad die Stufen der Escadas do Codeçal hinauf. Oben angekommen durchlebte ich einige durchaus widersprüchliche Momente: Auf der einen Seite die vertraute Kulisse – die Gegensätze von historischer Pracht hier, fortschreitendem Verfall, Graffiti und rostenden Stützkonstruktionen dort – und auf der anderen eine schier unendliche Masse an Tourist*innen, die an den üblichen Spots klebte wie … lassen wir das. So sehr ich die Umgebung auch genoss, so willkommen war die eine Reizarmut mitten, welche ich mitten im Gewimmel, in einer kleinen, aber durchaus sehenswerte Ausstellung im Antiga Casa da Camara/Casa dos 24 vorfand, dem Gebäude, das vom von ca. 1450 bis zum Ende des 17. Jahrhunderts das als erstes Rathaus Portos fungierte, 1875 vollständig abbrannte und 2002 als moderne Nachbildung neu errichtet wurde. Während durch witterungsgetrübte, teils gesprungene Fenster stets Teile der historischen Altstadt sichtbar blieben, wurden an neu errichteten Wänden die Arbeiten der Preisträger*innen eines Wettbewerbs für Architekturfotografie präsentiert. Diese Art der harten Gegensätze sollte sich auch in den nächsten Stunden und Tage wieder und wieder offenbaren.

Durch die dichter und dichter werdenden Menschenmassen schob ich mein Fahrrad entlang der Avenida Dom Afonso Henriques und an der Igreja de Santo António dos Congregados vorbei zum Praça da Liberdade mit dem Fonte da Juventude und dem Câmara Municipal do Porto, von wo aus ich mich nach einem kurzen Imbiss auf den Weg zu den Jardins do Palacio de Cristal machte, wobei ich einen Großteil der Strecke – wenig Menschen, kaum Steigungen – tatsächlich fahrend zurücklegen konnte. Einzig durch die fast menschenleere Rua de Cedofeita zog ich es vor, zu schlendern. Eine gefühlte Ewigkeit saß ich in den Gärten auf der Bank und schaute Pfauen, Enten, allerhand anderem Federvieh und Menschen in ihrem Treiben zu. Der ursprüngliche Kristallpalast wurde zwischen 1951 und 1954 durch den Pavilhão Rosa Mota ersetzt, einen Sport- und Veranstaltungspavillon, der mittlerweile unter dem Namen Super Bock Arena firmiert und während der Corona-Pandemie zeitweise in ein Krankenhaus umfunktioniert wurde. Bei meiner weiteren Erkundung des nicht allzu großen Areals entdeckte ich, dass an die Gärten auch eine Stadtbibliothek samt der Galeria Municipal do Porto grenzt, die zum Zeitpunkt meines Besuchs die Ausstellung „Lúcido Devaneio“ mit Werken zeitgenössischer portugiesischer Künstler*innen beherbergte: Eintritt frei, Begleitbroschüre inklusive und los ging die ungeplante aber bewegende „klare Träumerei“.

Am Rande der kulturellen Aufmerksamkeitsspanne angekommen, machte ich noch einen kleinen Abstecher zur Sinagoga Kadoorie Mekor Haim, der größten Synagoge auf der Iberischen Halbinsel, die allerdings angesichts des Shabbats für Besichtigungen geschlossen hatte. So machte ich mich entlang des Nordufers des Douro auf den Heimweg – nicht ohne am Südufer angekommen mein Rad wieder ein ganzes Stück hinauf schieben zu müssen, da ich in Anbetracht des folgenden Sonntags noch Lebensmittel besorgen wollte und der nächste größere Supermarkt in Gaia landeinwärts an der Strecke. Zwar bewegte ich mich größtenteils auf einem relativ gleichen Höhenniveau, doch begann es zur Hälfte der Strecke derart stark zu regnen, dass ich in etwa eine Stunde später ziemlich erschöpft und nass bis auf die Knochen auf dem Campingplatz ankam. Zwar tat das Wetter dort so, als wäre nichts gewesen; doch für mehr als das Abendessen und einen ersten Blick auf die Fotos des Tages reichte es an diesem Tag nicht mehr.

Brausende Wogen und wenig kalte Winde

Am nächsten Morgen wachte ich nach unruhigem Schlaf schlapp und mit einer dicken Mandelentzündung auf. Der fast schon typische Urlaubsanfangsinfekt war also nicht wie erhofft ausgebleiben, er hatte sich nur verzögert und war, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte, hartnäckiger als sonst. Nicht nur dem Stress der vergangenen Wochen, auch der wohl doch zu langen Zeit in nassen Klamotten bei zu niedrigen Temperaturen Abend Tag zuvor zollte ich nun Tribut. Allen Beschwerden zum Trotz machte ich mich dennoch auf in Richtung Ribeira, dem am nördlichen Douroufer gelegene Teil der historischen Altstadt. Nach einem kurzen Abstecher in die farbenfrohen engen Straßen, in denen es aufgrund des frühen Sonntagmittags recht beschaulich zuging, fuhr ich zunächst ein Stück des Kais entlang und dann weiter bis zu einem kleinen Restaurant in der Nähe des Kongresszentrums, wo ich mich stärkte. Auf der anschließenden Fahrt kreisten die Gedanken immer wieder um die Phänomene Tourismus, Gentrifizierung, Verdrängung und Armut, die – trotz vieler positiver Bestrebungen – an allen Enden sichtbar waren. Paradoxerweise geschah dieses alles in einem Kopf, der sich zwar freute, aufgrund von Erkältungssymptomen zunehmend salzige Luft zu atmen und Sonne, Wind und Ausblick in sich aufsog, gleichzeitig aber Teil eines Menschen ist, der, wenn auch mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs, nicht leugnen konnte, selbst ebenfalls ein Teil des Problems zu sein.

Nur unterbrochen von einer kurzen Verschnaufpause am Jardim do Cálem fuhr ich weiter entlang des Ufers des Douro bis zu seiner Mündung und von dort aus weiter am Forte de São João Baptista da Foz vorbei bis zum Forte de São Francisco Xavier, dem Endpunkt meiner heutigen Tour. Die Temperaturen waren angenehm warm, doch die letzten Ausläufer des Hurrikane Gabrielle wurden spätestens in den hohen, aufbrandenden Wellen des Atlantiks, der sprühende Gischt und den großflächigen Absperrungen des Uferbereichs am Farolim („Leuchtturm“) de Felgueiras deutlich sicht- und spürbar.

Auch hier zeigten sich in der vorgefundenen Szenerie wieder alle Widersprüche und Gegensätze dieser Stadt: Historische Befestigungsanlagen, sozialistische anmutende Parkgestaltung, Wohnsilos, Strand, Seehafen und – wie sollte es (leider!) anders sein – riesiges Kreuzfahrtterminal fügten sich zu einem großen Ganzen zusammen, irgendwie stimmig, aber doch nicht wirklich in irgendein Schema passend.

Mit all diesen Bildern im Kopf, ging es für meine Verhältnisse sehr gemächlich mit kurzen Stopps an der Estatua do Salva Vidas („Statue des Rettungsschwimmers“), der Pérgola da Foz (Mündungs-Pergola) und in Miragaia auf der anderen Seite des Douro und entlang des Atlantiks zurück zum Campingplatz.

Ein letzter Blick

Anders als erhofft, hatten sich die Symptome meines Infekts trotz des sehr entspannten Tagesausklangs mit Fotos sichten und ausgedehntem Müßiggang ab Abend zuvor bis zum nächsten Morgen weiter verstärkt, sodass das der erste Weg nach dem Frühstück gradewegs in die farmácia führte. Dennoch zog es mich anschließend wieder in Richtung Fluss, wo mir am Ufer in Afurada zum ersten Mal das Lavadouro Público, das öffentliche Waschhaus, und die am Hafen aufgehängte Wäsche auffiel und damit eine ganz andere Tradition von Waschsalons, die in Portugal und der ganzen Iberischen Halbinsel verbreitet war und an einigen Stellen noch immer ist. Weiter ging es von da – wieder einmal fahrradschiebend bergauf – zum Jardim do Morro in Vila Nova de Gaia, wo ich bei einer längeren Rast auf die Büste des Theologen und Pädagogen Diogo Cassels stieß und erst einmal herausfinden musste, wer das war. Von dort lief ich die letzten Meter weiter zum Mosteiro da Serra do Pilar, einem ehemaligen Kloster aus dem 16. Jahrhundert, welches von so ziemlich überall aus in Porto zu sehen ist und von wo aus man einen tollen Blick über die Stadt hat. Anschließend ließ ich es mir nicht nehmen, doch noch einmal über die obere Ebene der Ponte Dom Luís I zu fahren und einen letzten langen Blick auf den Douro zu werfen bevor es endgültig zurück zum Campingplatz ging.

Rückblickend kommt es mir vor, als wäre ich ein zweites Mal viel zu früh aus dieser Stadt aufgebrochen. Doch trotz aller Sehnsucht nach Porto, die sich beim Schreiben dieser Zeilen in mir ausbreitet, bin ich mir ganz sicher, dass jeder Moment länger vor Ort ein Zuviel gewesen wäre. Es drängte mich weg von den Menschenmassen, um zur Ruhe zu kommen und gesund zu werden.

Sortelha – Foz d’Égua – Juromenha

Ab in die Mitte

So brach ich am nächsten Morgen auf, entlang des Atlantiks gen Süden zu fahren; auch, um eine der nächsten Sehenswürdigkeiten auf meiner Bucket List für Portugal – den Farol Penedo da Saudad, einen Leutturm in der Nähe von Nazaré – und auch den Küstenort selbst anzusehen. Kurz vor Coimbra änderte ich meinen Plan jedoch: Zwar reizte mich der Süden, die Vernunft, die Kilometerstände nicht aufs Äußerste zu bewegen, obsiegte jedoch und so wurde Sortelha im Landesinneren das nächste Ziel. Das Aldeia Histórica („historische Dorf“) war nahezu menschenleer und die aus Granit gebauten Häuser aus dem 13. und 14. Jahrhundert überaus sehenswert.

Durch den Umweg über Coimbra war es spät geworden und so ging es etwa 30 Kilometer des Wegs zurück nach Valhelhas, wo in einem kleinen Waldstück am Rio Zêzere ein, wie ich feststellen durfte, wunderschöner Campingplatz liegt, den ich mir nur mit einem Pärchen und der Platzwartin teilte, mit der ich mich sowohl abends als auch nächsten Morgen lange über Portugal, Politik und Preisentwicklungen unterhielt.

Manchmal ergibt es Sinn, vorher auf die Karte zu schauen. Denn mein nächstes Ziel lag wie auch der Ort meines Nachtlagers zurück gen Westen – und zwar ein ganz schönes Stück. Die Strecke war jedoch um einiges schöner und führte mich durch das Serra da Estrela („Sternengebirge“) vorbei an beindruckenden Granitformationen, dem Monumento a Nossa Senhora da Boa Estrela, einer mehr als sieben Meter hohen Marienstatue, welche direkt in die Granitfelsen gehauen und 1946 eingeweiht wurde, und dem etwa zwei Kilometer entfernt liegenden höchsten Punkt des portugiesischen Festlandes. Die Aussicht war ein ums andere Mal grandios, doch irgendwann wich das Grün mehr und mehr einem grauen Schwarz und eine lange Ewigkeit des Weges trug der Wind wieder und wieder den Geruch von verbranntem Holz durchs offene Fenster. Inmitten dieser dystopisch anmutenden Landschaft, welche durch die schweren Waldbrände wenige Wochen zuvor entstanden war, erreichte ich schließlich Praia Fluvial („Flusstrand“) Foz d'Égua – ein natürliches Becken am Zusammenfluss des Piódão und des Chãs d'Égua, welches bei höherem Wasserstand eine pittoreske Badestelle bildet. Trotz aller Schönheit des Ortes lag etwas Bedrückendes über ihm und die sichtbaren Zeichen der Verwüstung ließen das schwere Schicksal der Menschen hier mehr als nur erahnen.

Den Rest des Tages verbrachte ich fahrend, übernachtete schließlich in Barbacena auf der Zeltwiese eines außerordentlich gepflegten Platzes, die vermutlich zuvor als Olivenhain genutzt worden war, und verließ am nächsten Tag Portugal über den Rio Guadiana, nicht ohne jedoch zuvor noch einen Abstecher zur Fortaleza de Juromenha zu machen.

Córdoba

Lärm und Stille

Obwohl Spanien von der Festung aus nur einen Steinwurf entfernt liegt, dauerte es von dort aus noch eine gute halbe Stunde, bis ich dort ankam, weil die nächste Brücke über den Fluss in etwa 40 Kilometer Entfernung nördlich von Bajadoz liegt. Auf dem Weg dorthin ließ ich den Grenzort Elvas (bedauerlicherweise!) links liegen und erreichte abends La Carlota, wo ich mich für zwei Nächte einquartierte, um am Folgetag von dort aus Córdoba zu erkunden. Der Campingplatz an sich war ganz okay und der Empfang mehr als freundlich, doch gehört er jenen, die sich die verkehrsgünstige Lage mit schier untererträglichem Lärm von Schnellstraße und Autobahn erkaufen. Leider bemerkte ich dieses erst nach Einbruch der Dunkelheit, als sich der Trubel in der näheren Umgebung gelegt hatte.

Nach der üblichen ausgedehnten Morgenroutine machte ich mich dennoch erst gegen Mittag des nächsten Tages in Richtung Córdoba auf; zunächst, um Besorgungen zu machen, danach zu dem Ziel, welches der eigentliche Grund meines Besuchs dieser Stadt war: die Mezquita-Catedral de Córdoba. Waren es beim Besuch der Alhambra vier Jahren zuvor noch die Erzählungen von Tanja Kinkel in ihrem Roman Mondlaub, welche eine gewisse Hochachtung vor der maurischen Kultur und deren Baukunst entfacht hatten (und im Weiteren ein dickes Fragzeichen hinter die Reconquista setzten), war es nun der große Durst des Mehr-davon. Dank der Beschreibung am Empfang am Vortag, war ein geeigneter Parkplatz in der Nähe schnell gefunden und – wie der Zufall manchmal so spielt – traf ich dort eben jenen jungen Mann, der mir den Tipp gegeben hatte, mit seiner Begleitung genau in dem Moment an jenem Ort, als ich am mit dem Parkscheinautomaten so gar nicht mehr weiterkam. Dank seiner Hilfe war das Problem schnell gelöst, war es doch keines: Der Automat hatte mich nur davor bewahrt, ihn zu einer Zeit mit Geld zu füttern, wo dieses gar nicht mehr erforderlich war.

Noch bevor ich die ehemalige Moschee erreichte, ereilte mich vor ihren Toren noch zusätzlich ein rein physischer Durst, welcher sich zu stillen als schwieriger erwies, als zuvor gedacht, gab es doch weit und breit keine Möglichkeit, irgendwelche Getränke zu kaufen. Die Rettung bot schließlich ein amerikanischen Schnellrestaurant mit einem Becher Leitungswasser – eiskalt war es und für meinen Geschmack viel zu stark gechlort, aber es erfüllte seinen Zweck. Die Folgen dessen zeigten sich glücklicherweise erst am nächsten Morgen. Aber lassen wir das.

Das gesamte Areal, aber auch die umliegenden Bauten, waren beeindruckend und in der Moschee selbst war auch nach Stunden an jeder Ecke so viel Neues zu entdecken, dass ich oftmals erst sehr spät bemerkte, dass ich während meiner zahlreichen Runden in dem maurischen Bau zum wiederholten Mal dort umschaute. Die Geschichte des Areals fast Wikipedia recht knapp zusammen, aber wohl besser, als ich es könnte, zusammen und die Bilder zeigen sie eindrücklicher, als ich sie in kurzer Form beschreiben könnte.

Der nächste Tag begann mit der Fortsetzung meines immer noch nicht ganz abgeklungenen Infekts in anderer Art und Weise und so war zum zweiten Mal eine farmacia das erste Ziel der Weiterfahrt gen Osten. Erst gegen Nachmittag fühlte ich mich langsam besser und am nächsten Morgen – dem 14. Tag meiner Reise – war ich zum ersten Mal ohne Beschwerden. Mit dazu beigetragen hat vermutlich auch der Umstand, dass der einzige Campingplatz in der Gegend um Castellón, etwa 60 Kilometer nördlich von Valencia gelegen, nicht einmal mehr den kleinsten Platz für ein Zelt frei hatte, und ich gezwungen war, für eine Nacht einen doch recht teuren Bungalow zu beziehen. Selten tat ein Zwang so gut – und die Stille, der abendliche Spaziergang zum Meer und das gute Essen taten das Übrige. Auch die Tage zuvor waren trotz aller Einschränkungen weitestgehend schön gewesen; doch hier und jetzt fühlte es sich das erste Mal wie Urlaub an, richtiger und echter Urlaub.

Provence

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